Und jetzt stand ich da, in einem fremden Land, mit einem löchrigen Unterhemd, auf dem Weg zu einer Behörde, und musste darüber lächeln. Ein Lächeln, das ein bisschen weh tat, ein bisschen mutig war und auch ein bisschen ängstlich. Ich stellte mir kurz vor, wie ich tatsächlich von einem Bus angefahren würde, im Krankenhaus läge, und irgendwer würde diese Löcher sehen.
Mein ganzes »neues« Leben schien aus Löchern zu bestehen.
Löcher im Herzen, dort, wo Samira einmal gewesen war.
Löcher im Gedächtnis, aus denen ich die schlimmsten Bilder herausgerissen hatte, damit sie mich nachts nicht auffraßen.
Löcher in der Matratze, in der wir schliefen, dünn, durchgelegen, fremd.
Nichts war ganz. Alles ließ etwas hindurch. Kälte, Angst, Erinnerungen. Nur die Löcher in meinem Unterhemd waren offen sichtbar. Und genau die durfte es nicht geben.
Also bat ich Elisabeth um Nadel und Faden. Ich setzte mich ans Fenster, das Licht fiel auf meine Hände, und ich flickte die kleinen Löcher im Unterhemd so ordentlich, wie ich konnte. Dann kämmte ich mir die Haare, ebenfalls so ordentlich wie möglich, sie waren immer noch ein bisschen verfilzt. Ich zog meine schönsten Sachen an und war bereit.
Als Mejra kam, standen wir schon im Hof: sauber, aufgeregt und ein wenig neugierig. Wir fuhren gemeinsam zur Behörde, und als wir uns dort anmeldeten, war das ein besonderer Moment. Ich fühlte mich zum ersten Mal nicht mehr wie jemand auf der Durchreise, nicht mehr wie eine Bahnhofsbewohnerin ohne Ort. Für einen kurzen Augenblick fühlte ich mich wie eine richtige Bewohnerin dieses Landes. Und das tat gut.
Nachdem wir uns angemeldet hatten, war plötzlich alles anders. Wir mussten uns nicht mehr verstecken, nicht mehr leise sprechen oder ständig Angst haben, entdeckt und fortgeschickt zu werden.
»Jetzt habt ihr eine Duldung«, sagte Mejra.
Ich wusste damals nicht genau, was dieses Wort bedeutete. Aber es klang freundlich, stimmig, fast tröstlich. Für mich klang es nach Bleiben dürfen, nach Frieden, nach Ankommen. Ich dachte: Was für ein schönes Wort.
Als sie uns den Zettel mit der Aufschrift »Duldung« in den Pass klebten und dazuschrieben, dass sie acht Wochen gültig sei, waren wir überglücklich. Acht Wochen, das war für uns eine Ewigkeit.
Acht Wochen ohne Angst.
Acht Wochen, in denen wir frei atmen konnten.
Wir dachten nicht daran, dass diese Zeit einmal enden würde. Für uns war es ein Versprechen.
Wenigstens ein kleines Stück Sicherheit.
Erst viele, viele Monate später habe ich erfahren, dass das Wort gar nichts so Schönes bedeutet, wie ich damals dachte. Dass es eigentlich nur heißt, dass man geduldet wird - nicht richtig willkommen, nicht richtig erlaubt, nur für eine Weile geduldet. Aber in diesem Moment, damals, war es für uns das schönste Wort der Welt.
Und so begannen wir, unsere Tage, so gut es ging, zu genießen. Wir gingen spazieren, lachten, putzten, backten Pizza, und am Abend duldeten wir unsere Zimmer.
Als wir von der Behörde zurückkamen, sagte Mutter, sie würde alleine putzen, und wir drei sollten zu Frau Schneider laufen. Sie sollte nicht zu lange auf die tolle Neuigkeit warten müssen.